Der diese Woche von der Kommission vorgelegte Vorschlag für einen
Industrial Accelerator Act markiert den Beginn einer neuen Ära der europäischen Handels- und
Industriepolitik. Neben neuartigen Vorgaben zur Genehmigung von Direktinvestitionen zeigt sich dies
insbesondere in der vieldiskutierten vorgeschlagenen Einführung von „Buy-European“-Kriterien für ausgewählte
grüne Technologien. Verbindliche Local-Content-Vorgaben würden so erstmals zu einem EU-weiten strategischen
Politikinstrument, eine klare Abkehr vom Primat der Handelsoffenheit.
Aus einem klassischen ökonomischen Blickwinkel stellen solche Vorgaben eine
Marktverzerrung dar, mit negativen Auswirkungen auf Spezialisierung und die Effizienz der heimischen
Ressourcenverwendung. Eine solche statische Betrachtung greift hier jedoch zu kurz. Erstens ist der Vorschlag
primär eine Reaktion auf ein sich dramatisch wandelndes geopolitisches Umfeld, das sich durch ähnliche
protektionistische Maßnahmen von Weltmarktkonkurrenten wie China und den USA auszeichnet. Er dient somit auch
dazu, zumindest in Teilen wieder Waffengleichheit im internationalen Wettbewerb herzustellen. Zweitens bringt
der dynamische technologische Wandel neue Spezialisierungspotenziale hervor, insbesondere bei jungen, durch die
politischen Rahmenbedingungen begünstigten klimaneutralen Technologien. Angesichts von Wissensexternalitäten und
Größenvorteilen werden Marktkräfte allein solche Potenziale nicht ausschöpfen können, gerade vor dem Hintergrund
der Subventionspraxis in Drittstaaten.
Gleichwohl bergen verbindliche Local-Content-Vorgaben interne und
externe ökonomische Risiken. Intern entstehen durch den Umstieg auf anfänglich teurere heimische Produkte
Mehrkosten, die nicht zu einer übermäßigen Belastung einzelner Branchen oder Regionen führen dürfen. Extern
besteht das Risiko neuer Handelskonflikte, insbesondere mit solchen Ländern, die ähnliche Wachstumsstrategien
bei grünen Technologien wie die EU verfolgen. Ein verantwortungsvolles Risikomanagement erfordert eine
schrittweise Vorgehensweise mit Priorisierung solcher Technologien, die mittelfristig die größten
Wachstumspotenziale durch Wissensgewinn und Skalierung bieten.
Der Ansatz der Kommission, sich auf wenige,
für die grüne Transformation besonders zentrale und schwer substituierbare grüne Technologien zu fokussieren,
ist deshalb grundsätzlich richtig. Die Beschränkung der Local-Content-Kriterien auf öffentliche Nachfrage und
Förderprogramme vermeidet zugleich direkte Kostenrisiken für nachgelagerte Industrien. Die Konsequenz ist
jedoch, dass ein wachsender Anteil der Transformationskosten und -risiken der Gemeinschaft der Steuerzahler
aufgebürdet wird. Um dies zu rechtfertigen, ist mehr Transparenz erforderlich – sowohl über das Ausmaß an
heimischen Wachstumspotenzialen als auch über die zu erwartenden Mehrausgaben in der öffentlichen Beschaffung.
Das dafür notwendige methodische Instrumentarium hat die Kommission jedoch noch nicht bereitgestellt.
Zudem
laufen Nachfrage-Impulse in Gefahr, wirkungslos zu verhallen, wenn die angebotsseitigen Hürden für ein grünes
Wirtschaftswunder nicht ebenso entschlossen politisch angegangen werden. Dies betrifft insbesondere komplexe
regulatorische Vorgaben – ein Beispiel ist die Definition erneuerbarer Kraftstoffe –, zunehmende
Fachkräfteengpässe und eine mangelnde Koordination der regionalen Clusterentwicklung. Die jüngsten Initiativen
der EU zur regulatorischen Vereinfachung und Ressourcenbündelung sollten daher ausgeweitet und zu einer
kohärenten grünen Industriestrategie zusammengefasst werden. Global muss die EU der Gefahr begegnen, dass sich
Local-Content-Vorgaben zu einem Hemmschuh für neue grüne Partnerschaften entwickeln. Dies kann nur durch klare
Ausnahmeregelungen für Produkte aus Drittstaaten erreicht werden, die Handelsabkommen mit der EU abgeschlossen
haben. Auf dieser Basis könnten sich Local-Content-Vorgaben zu einem wichtigen Asset in zukünftigen
Handelsgesprächen entwickeln.
Sorgfältig ausbalancierte „Buy-European“-Kriterien könnten so zum Impulsgeber
für einen auf langfristige Wachstumspotenziale fokussierten Neustart des EU Green Deals werden. Auf dem Weg
dorthin ist aber noch viel politische Überzeugungsarbeit zu leisten, vor allem beim Austarieren der
divergierenden industriepolitischen Interessen der Mitgliedstaaten. Ein transparenter, wissenschaftlich
fundierter Politikansatz ist dafür unverzichtbar, und politische Ehrlichkeit im Hinblick auf die zu erwartenden
Kosten.
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Dr. André Wolf
Fachbereichsleiter Technologie, Infrastruktur und Industrielle Entwicklung
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