- Seit den alarmierenden Berichten von Enrico Letta und Mario Draghi vor mehr als einem Jahr gab es kaum
Fortschritte bei der Stärkung der EU-Wettbewerbsfähigkeit.
- Die EU hat ein signifikantes Problem in Priorisierung und Umsetzung. Sie verliert sich in Kleinteiligkeit
und Komplexität. Maßnahmen sollten einfach, wirksam und wesentlich sein.
- Eine „Festung Europa“ kann nicht die Antwort sein. Es gilt, die eigenen Stärken zu mobilisieren durch neue
Ansätze in der Integration des Binnenmarktes, schnellere Marktzugänge für Innovationen und größere
Unabhängigkeit durch neue Handelsabkommen.
Am 12. Februar treffen sich die EU-Staats- und Regierungschefs zu
einem informellen Gipfel, um über die Wettbewerbsfähigkeit der EU zu sprechen – bezeichnenderweise am Tag vor Beginn
der Münchner Sicherheitskonferenz. Mit dabei sein werden auch Enrico Letta und Mario Draghi, die mit ihren Berichten
zum Binnenmarkt und zur Wettbewerbsfähigkeit bereits vor mehr als einem Jahr zentrale Vorschläge unterbreitet
hatten. Davon ist seitdem jedoch trotz breiter politischer Unterstützung wenig umgesetzt worden. Angesichts der sich
beschleunigenden geopolitischen und technologischen Entwicklungen benötigt die EU dringend mehr denn je einen neuen
„Whatever-it-takes“-Moment: Entweder die EU ist innerhalb der kommenden Monate zu signifikanten Schritten zu mehr
Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit bereit, oder sie droht in einem Moment historischer Umwälzungen in weitere und
noch tiefere Abhängigkeiten zu geraten. Wichtig ist daher, schnell und spürbar zu handeln: Better done than perfect.
Äußeren Bedrohungen eigene Stärken entgegensetzen
Die Zukunft Europas, also die Frage, wie die Bürger der EU zukünftig leben werden, wird
heute wesentlich außerhalb Europas von autokratischen Staaten und mächtigen Tech-Monopolen entschieden. Der
Verlust an Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit geht Hand in Hand mit dem Verlust europäischer
Technologieführerschaft und Infrastrukturhoheit. Der kanadische Premierminister Mark Carney hat es in seiner
vielbeachteten Rede auf dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos auf den Punkt gebracht: „Ein Land, das
sich nicht selbst ernähren, versorgen oder verteidigen kann, hat nur wenige Optionen. Wenn die Regeln dich nicht
mehr schützen, musst du dich selbst schützen.” Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit lassen sich nicht mehr
getrennt voneinander denken. Handels-, Industrie- und Sicherheitspolitik gehören daher strategisch zusammen.
Das Modell der EU wird in seinem Kern durch zwei historische Entwicklungen herausgefordert. Zum einen
haben die geopolitischen Auseinandersetzungen zu einer zunehmenden Missachtung
multilateraler Regeln geführt, die nun durch neue Formen der geopolitischen Souveränität kompensiert
werden müssen. Souveränität besteht heute aus Formen der Autonomie, in Teilen auch der Autarkie, vor allem aber
der Kooperationsfähigkeit, was bedeutet, in einer multipolaren Welt regulatorisch einflussreich und
anschlussfähig zu bleiben. Zum anderen hat die Digitalisierung als neues technologisches Paradigma zu
einem Verlust an industriellen Wettbewerbsvorteilen geführt, die nun durch neue Formen der technologischen
Wettbewerbsfähigkeit kompensiert werden müssen. Wettbewerbsfähigkeit resultiert heute aus Formen der Resilienz,
in Teilen auch aus industriepolitischer Förderung, vor allem aber aus Innovationsfähigkeit, was erfordert,
Unternehmern regulatorisch mehr Freiräume zu geben. Nirgendwo wird dies deutlicher als bei Künstlicher
Intelligenz: Europäische Unternehmen nutzen amerikanische Cloud-Plattformen und Recheninfrastruktur, während
China ideologisch geprägte Modelle offen zur Verfügung stellt – Europa droht in einer Schlüsseltechnologie des
21. Jahrhunderts zum reinen Anwender zu werden.
Strategische, politische und
institutionelle Maßnahmen müssen ineinandergreifen
Diese beiden Herausforderungen lösen Handlungsbedarf auf drei Ebenen aus. Auf der Strategie-Ebene müssen die wichtigsten Elemente europäischer Souveränität und
Wettbewerbsfähigkeit definiert werden. Auf der Politik-Ebene müssen die wichtigsten Maßnahmen beschlossen
werden, die unmittelbar und signifikant auf Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit wirken. Auf der Umsetzungsebene müssen die administrativen Voraussetzungen für eine schnelle und
wirksame Umsetzung geschaffen werden. Die Tatsache, dass trotz akuter Bedrohungslage und politischer
Willensbekundung zu wenig passiert ist, spricht für massive institutionelle Blockaden in der EU. Die
institutionelle Handlungsfähigkeit ist geringer als die politischen Handlungserfordernisse.
Drei zentrale Handlungsfelder: ökonomische Skalierung, institutionelle Geschwindigkeit und
strategische Optionen
Die EU agiert wirtschaftlich und geopolitisch weit unter ihren Möglichkeiten. Es kommt für
die EU deshalb vor allem darauf an, konsequent die eigenen Stärken auszubauen, viele unausgeschöpfte Potenziale
zu heben und sich auf zeitkritische Prioritäten zu fokussieren. Die derzeit diskutierten Präferenzkriterien
(„Buy European“, „Local Content“) sollten nur auf sehr wenige, strategisch kritische Branchen mit zugleich hohen
Skalierungspotenzialen angewendet werden. Ansonsten könnten diese für die international stark verflochtene
europäische Wirtschaft über adverse Lieferketteneffekte und steigende Beschaffungspreise schnell zu einem
Bumerang werden, indem Versorgungsrisiken nicht sinken, sondern steigen. Das Centrum für Europäische Politik
hält folgende Schritte für zentral, um die Souveränität und die Wettbewerbsfähigkeit der EU von Grund auf zu
stärken:
- Neue Achsen der europäischen
Integration in den Bereichen Verteidigung, Infrastruktur, Energie und Kapitalmarkt definieren, um
Skalierung zu ermöglichen und die Potenziale des Binnenmarktes zu heben. Diese Achsen verlaufen konträr zu den
etablierten Strukturen, so dass hierfür zum Teil neue Institutionen geschaffen werden müssen, im Bereich der
Verteidigung ein Raum jenseits klassischer EU-Formate, der u.a. das Vereinigte Königreich, Norwegen und Kanada,
nicht zwingend aber Ungarn und die Slowakei umfasst.
- Schnellerer Marktzugang von
Innovationen und Start-ups, insbesondere durch eine wettbewerbsförderliche Deregulierung, die
Überwindung von Finanzierungsbarrieren bei der Kommerzialisierung und einen Ausbau des 28. Regimes, um
Bürokratiekosten zu senken, Pfadabhängigkeiten zu überwinden und Transformation zu beschleunigen.
- Strategische Handelsabkommen mit
aufstrebenden Wirtschaftsräumen wie Mercosur, Indien, Indonesien etc., um Lieferrisiken zu diversifizieren,
Abhängigkeiten zu reduzieren, Optionen zu schaffen und geopolitische Strategiefähigkeit zu stärken.
Äußeren Bedrohungen eigene Stärken entgegensetzen
Ein wesentlicher Wirkungsmechanismus einer politischen Agenda besteht darin, die
Erwartungen der Akteure positiv zu beeinflussen. Erwartungen wirken bereits, bevor sich Politik materialisiert.
Die Glaubwürdigkeit, dass den Worten auch Taten, den Ankündigungen auch Umsetzungen folgen, ist dafür zentral.
Die Maßnahmen einer glaubwürdigen Agenda für mehr Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit müssen einfach, wirksam und wesentlich sein. Der EU-Gipfel zur Wettbewerbsfähigkeit
sollte sich daher nicht in zu vielen komplizierten Maßnahmen verzetteln, sondern die größten Hebel zur Stärkung
von Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit adressieren.
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